Die Familie der Orchideen, eine
kleine Einführung

Immer wieder blicke ich in erstaunte Gesichter, wenn ich von einheimischen Orchideen spreche. Vielen ist einfach nicht bewusst, dass Vertreter der weltweit verbreiteten Pflanzenfamilie nicht nur im Regenwald vorkommen, sondern auch einen wunderbaren Teil unserer einheimischen Flora darstellen. So möchte ich an dieser Stelle versuchen, einen kleinen Einblick in die Welt “unserer” Orchideen zu geben. Im Fokus stehen die Vorkommen in Bayern, mit besonderem Augenmerk auf meiner unterfränkischen Heimat.

// Abstammung

Die Orchideen gelten als sehr junge Pflanzenfamilie und auch als eine größten. Wikipedia entnimmt man, dass fossile Funde auf einen Ursprung der Familie vor mindestens 100 Mio. Jahren hinweisen.

Namengebend für die gesamte Pflanzenfamilie sind die beiden hodenförmigen Wurzelknollen der Knabenkräuter (v. griech. orchis ‚Hoden‘).

// Merkmale der Orchideen

Die Familie der Orchideen unterscheidet sich in einigen spezifischen Merkmalen von anderen verwandten Pflanzenfamilien.

Folgende Merkmale weisen Orchideen auf:

  • Orchideen besitzen in der Regel eine Säule (Gynostemium). Durch das teilweise oder vollständige Zusammenwachsen des einzigen fruchtbaren Staubblattes (Stamen) und des Stempels entsteht ein einziges Blütenorgan. Einzige Ausnahme der in Deutschland vorkommenden Unterfamilien bilden die Pflanzen der Cypripedioieae – in Deutschland nur duch den Frauenschuh (Cypripedium calceolus) vertreten – mit zwei Stamina.
  • die Pollenkörner sind zu den sogenannten Pollinien zusammengeballt
  • Orchideen bilden zahlreiche sehr kleine Samen aus, die in der Regel nicht ohne Symbiosepilze keimfähig sind
  • das in der Symmetrieachse gelegene Blütenhüllblatt des inneren Hüllblattkreises (drittes Kronblatt = Petalum) unterscheidet sich meist deutlich von den anderen und wird Lippe oder Labellum genannt. Es steht dem fruchtbaren Staubblatt (Teil der Säule) gegenüber
  • die Blüten sind in der Regel zygomorph (monosymmetrisch, dorsiventral). Die Blüten der meisten Orchideenarten zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich von der Knospenbildung bis zur Blütenentfaltung um 180° drehen. Dies wird als Resupination bezeichnet.

// Familie | Unterfamilien | Gattungen | Arten

Die Familie Orchidaceae spaltet sich in 5 Unterfamilien auf. In Deutschland finden sich nur Gattungen folgender drei Unterfamilien:

  • Orchidoideae
  • Epidendrioideae
  • Cypripedioideae

Wie man dem Kladogramm entnehmen kann, liegen Orchidoideae und Epidendrioideae näher beieinander als diese beiden Unterfamilien ihrerseits der Unterfamilie Cypripedioideae. Wie oben schon erwähnt, ist die Unterfamilie Cypripedioideae mit nur einer zugehörigen Art (Frauenschuh | Cypripedium calceolus) in Deutschland die kleinste der drei Unterfamilien. Die Unterfamilie Orchidoideae ist mit 16 Gattungen noch deutlich größer als die Epidendrioideae mit 9. Es muss angemerkt werden, dass die Angabe zur Anzahl der Gattungen der Unterfamilie Orchidoideae variieren kann. Ich folge hier der Gliederung, die Nigritella als eigene Gattung sieht und nicht Gymnadenia zuordnet. Desweiteren folge ich dem Vorschlag, der die Grüne Hohlzunge der Gattung Dactylorhiza zuordnet und nicht Coeloglossum. Der Ohnsporn wird der Gattung Orchis zugeschlagen.

// Blütenaufbau

Die Bestandteile einer Orchideen-Blüte am Beispiel einer Ragwurz aus der Provence:

1–Sepal
2–Petal
3–Labellum
4–Griffelsäule
5–Narbenhöhle

// Bestäubungsmechanismen einheimischer Orchideen

Das Thema mit den Bienchen und den Blumen ist in den Grundzügen wahrscheinlich jedem bekannt. Die meisten wissen wohl auch, dass es für die Fortpflanzung von essentieller Bedeutung ist. Allerdings hat sich Mutter Natur bei einigen Orchideenarten kreative Vorgehensweisen einfallen lassen, um Pollen von einer Pflanze zur anderen zu transportieren.

Nektarblumen und Nektartäuschblumen

Sicherlich der Klassiker unter den Bestäubungsmechanismen. Die Pflanze bietet Nektar an, um Bestäuber anzulocken. Bedienen sich die Bestäuber nun am Nektar, laden sie Pollen auf und befruchten damit dann die nächste Blüte, die sie besuchen.

Einige Orchideen verzichten auf die Produktion von Nektar. Sie locken Bestäuber nur durch Duftstoffe an und täuschen so das Vorhandensein von Nektar vor. Bezeichnenderweise nennt man diese Arten dann Nektartäuschblumen.

Sexualtäuscherblumen

Sex sells: das haben einige Orchideenarten schon lange verinnerlicht und machen sich das Verlangen einiger Insekten nach Fortpflanzung zu Nutze. Die Ragwurze (wissenschaftl. Gattungsname: Ophrys) imitieren Duft und Phänotyp weiblicher Insekten bestimmter Arten. Die männlichen Exemplare begatten nun die Blüten der Ragwurz (Pseudokopulation) und bestäuben sie auf diese Art. Kurz gesagt spart sich die Ragwurz durch ihren Sex-Appeal die aufwändige Produktion von Nektar.

Man sollte also meinen, dass die Fortpflanzung dieser Arten auf Gedeih und Verderb am Vorkommen der entsprechenden Insektenarten hängt. Allerdings kommt beispielsweise das Bestäuberinsekt der Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera) nicht in Mitteleuropa vor. Die Bienen-Ragwurz entgegnet dem Problem mit autogamer Bestäubung – sie bestäubt sich also selber.

Kesselfallenblumen

Der Frauenschuh (Cypripedium calceolus) ist eine Kesselfallenblume. Fälschlicherweise wird die Pfanze oft für eine fleischfressende Pflanze gehalten. Der Fallenmechanismus dient aber nur dazu, von Bestäubern auf dem Weg nach draußen erst Pollen (falls vorhanden) aufzunehmen und sie im Anschluss mit Pollen zu versehen.

Schlafstättenblumen

Wie der Name schon sagt, bieten die Blüten einiger Orchideen Schutz in der Nacht oder vor Witterung. Die Schutz suchenden Insekten besorgen die Bestäubung. Zu den Schlafstättenblumen gehören zum Beispiel die Waldvögelein-Arten.

// Variabilität | Hybridisierung

Was es oft so schwer macht Orchideen eindeutig zu bestimmen ist die Tatsache, dass die bestehenden Arten sich teilweise durch extreme Varietät auszeichnen. Man unterscheidet zwischen Farb- und Strukturvarietäten.

Viele Arten haben noch keine Mechanismen entwickelt, die sie gegen Bastardisierung schützen. Daher kann es bei vielen Arten dazu kommen, dass Hybride mit nahen Verwandten entstehen.